Erfahrungsberichte

Engagiert in der Ausbildung

Dr. med. Wolfgang Hüther, Facharzt für Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragter der Uni Freiburg (Versorgungsbericht 2010 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, S.67)

Weiterbildungsassistenten in der Arztpraxis gefragt

Im Kollegenkreis, wenn das Gespräch auf die Beschäftigung und Ausbildung von Weiterbildungsassistenten kommt, werde ich oft gefragt: Warum machst Du das? Ist es nicht sehr zeitintensiv, Weiterbildungsassistenten zu beschäftigen? Wie reagieren die Patienten? Wie reagiert das Team? Und schon mehr als Befürchtung: Sind die denn genügend ausgebildet oder vorbereitet?

Warum ich das mache:

1992 hatte ich mich nach erfreulichen klinischen Jahren in Freiburg als Facharzt für Allgemeinmedizin in einer zunächst sehr kleinen Einzelpraxis (heute ziemlich großen Gemeinschaftspraxis) niedergelassen. Vor Niederlassung und Facharztprüfung war ich ein halbes Jahr „Weiterbildungsassistent“ bei dem leider schon verstorbenen Kollegen Carl Napp in Waldkirch. Er war mit Wissen, Genauigkeit und Hingabe Hausarzt und gab dies bei unzähligen Gelegenheiten an mich weiter. Diese persönlichen Anregungen und die eigene Entwicklung von einem internistisch geprägten Krankenhausarzt (mit einigem Misstrauen gegenüber den „hausärztlichen Praktikern“) zum überzeugten „Allgemeinmediziner“, bildete die Motivation zur Beschäftigung von Weiterbildungsassistenten ab 1996.

An der eigenen Erfahrung anknüpfend war es mir ein besonderes Anliegen, den jeweiligen Assistenten die Besonderheiten der Allgemeinmedizin brühwarm und nachhaltig zu vermitteln: Nach einer Kennenlern- und Aufwärmphase konnten sie in der Praxis möglichst viel selbstständig, mit guter Ruckkopplung / gutem Feedback arbeiten. Dies ermöglichte, die Besonderheiten der primärärztlichen Versorgung in eigener Entscheidungsfindung zu erleben und anzuwenden: die Vielzahl der Diagnosen, der hohe Wert der Anamnese und körperlichen Untersuchung, Umgang mit abwartendem, aber beobachtendem Offenhalten und abwendbar gefährlichem Verlauf.

Entscheidend dabei fand ich, Weiterbildungsassistenten – die im Übrigen immer gut ausgebildet, vorbereitet und motiviert waren – dort abzuholen, wo sie stehen. Elementar dafür ist, sie initial mit der Geschwindigkeit /Langsamkeit arbeiten zu lassen, die ihnen entspricht, mit der sie sich einfinden und Fortschritte und eigene Erfahrungen machen können. Nützlich dazu ist ein gut und gleichwertig (PC, Telefon, Drucker et cetera) ausgestatteter Arbeitsraum. Die Weiterbildungsassistenten können so autark und autonom und ungestört arbeiten. Dies entlastet auch den Praxisbetrieb: Der Praxisinhaber kann mit seiner Geschwindigkeit arbeiten und so werden die notwendigen gemeinsamen Gespräche, Konsultationen und Untersuchungen mit den Weiterbildungsassistenten handhabbarer.

Von Anfang an und spätestens nach dieser Einarbeitungsphase hatte ich enorme qualitative Vorteile durch die Weiterbildungsassistenten: Deren Blick, deren (Vor-)Erfahrung, deren Ausbildungsspezifika brachten immer zusätzliche, nützliche Einschätzungen, Anregungen und auch überraschende Wendungen. Immer wieder erfrischend dabei: Vier Augen sehen mehr als zwei, und wer ausbildet, wird selbst ausgebildet oder wer gefragt wird, hat gute Antworten oder arbeitet daran.

In den Konsultationen zu zweit oder den Feedback-Gesprächen lernte ich zu begründen, was ich tat und auch was ich nicht tat. Diese Eigenreflektion in ruhigem Klima war für mich immer sehr belebend und gegen den Trott wirkend. In der Regel sind Weiterbildungs-assistenten spätestens nach wenigen Wochen in großem Umfang zu eigenständiger und sicherer Arbeit unter den Bedingungen der Primärversorgung in der Lage, so dass ein ausgeglichenes Verhältnis von Belastung und Entlastung für den Weiterbildungsarzt und die Weiterbildungsassistenten entsteht.

Und was sagen die Patienten dazu?

In unserer Praxis besteht die wichtige Regel, dass alle Patienten gefragt werden, ob Sie zum Weiterbildungsassistent wollen! Dabei konnten wir die erfreuliche Erfahrung machen, dass die Patienten, bis auf wenige Ausnahmen, es sehr schätzen, dass „weitergebildet“ wird; sie gehen gerne zu den jeweiligen Assistenten und es bilden sich nach kurzer Zeit viele feste, kontinuierliche Arzt-Patientenbeziehungen heraus.

Und auch für das gesamte Team der Medizinischen Fachangestellten waren die Weiterbildungsassistenten eine Bereicherung durch gegenseitige Hilfe, durch unhierarchischen Austausch. Kurzum: Ich kann nur empfehlen Weiterbildungsassistenten einzustellen. Für die Interessierten, aber Skeptischen: Den Vertragspassus mit der in der Probezeit möglichen Kündigung haben wir noch nie anwenden wollen oder müssen! Obwohl durch die Erhöhung der Förderungen und den Aufbau von Weiterbildungsverbünden weiter Fortschritte für unseren Nachwuchs gemacht wurden, bleibt es grundlegend, den Weiterbildungsassistenten in unseren Praxen auch die letztendlich gute Lebbarkeit unseres Berufes zu zeigen, gerade auch für Frauen und Familien!