Erfahrungsberichte

Junger Arzt, Niederlassung – trotz allem

Herr Dr. Marco Stuber, Facharzt für Innere Medizin, Rastatt (Quelle: Versorgungsbericht 2010 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, S.64/65)

Immer wieder wird einem als junger niederlassungswilliger Arzt die Frage gestellt: „Warum willst du dich in der heutigen Zeit noch hausärztlich niederlassen?“ Ein signifikanter Honorarrückgang bei gegenläufig ansteigender Arbeitsbelastung scheint hierfür offensichtlich ursächlich.

Ernüchternd auch die Ungewissheit, was die nächste Vergütungsreform an Widrigkeiten mit sich bringt. Ungewissheit und erheblichen bürokratischen Aufwand beschert auch die von den Kassen entwickelte hausarztzentrierte Versorgung. Vielerorts fehlen außerdem die Strukturen für einen organisierten Notdienst, was für den Hausarzt oft einen 24-Stunden-Rufdienst bedeutet, täglich, auch am Wochenende. Dies ist nicht mehr kongruent zu der Lebensplanung der jungen Generation, welche neben der Profession noch Zeit haben möchte für Familie und Freizeit.

Es ist in der Tat keine leichte Entscheidung. Hilfreich für meine Entscheidung für die Niederlassung war die Einrichtung eines zentral geregelten Notdienstes vor Ort und die Möglichkeit von überörtlichen Kooperationen und Vertretungen. Entscheidend waren auch die positiven Erfahrungen während der Zeit als Weiterbildungsassistent in einer großen hausärztlichen Gemeinschaftspraxis, die modern und ökonomisch organisiert ist. Außerdem hat man als Hausarzt ein abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld mit Interaktion und der Koordination fachübergreifender Untersuchungen und Therapieabläufen.

Man ist als Gesundheitsmanager gefordert, den einzelnen Patienten individuell zu beraten und zu begleiten. Ich freue mich auf eine patientennahe Betreuung unterschiedlicher Menschen in fast allen Lebenssituationen. Sie ist im niedergelassenen Bereich etwas ganz besonderes, weil die Arzt-Patienten-Beziehung über lange Jahre gefestigt wird. Neben zufriedenen Patienten muss aber nicht zuletzt ein adäquates Honorar die erbrachte medizinische Versorgung widerspiegeln. Hier sind die Gesundheitspolitik und die Kassen gefordert, weitere Anreize für eine Niederlassung zu schaffen. Es muss den Vertragsärzten möglich sein, auch ohne IGEL und den Ausbau des privaten Abrechnungsbereiches genügend Zeit für jeden einzelnen Patienten (auch den Kassenpatienten) zu haben, eine gute, individuelle Medizin zu gewährleisten und gleichzeitig solide und wirtschaftlich praktizieren zu können. Solange das von der Politik und den Kassen nicht langfristig klar geregelt wird – bleibt der Schritt in die Selbstständigkeit ein großes Wagnis, das eben nicht mehr alle bereit sind, einzugehen. Ich selbst bin gespannt auf diese Herausforderung – bin zuversichtlich aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher in der Praxis machen durfte und bin mir aber gleichzeitig sicher, dass dieser Schritt mir noch einige unruhige Nächte bereiten wird.