Erfahrungsberichte

Wo der Arzt jeden Patienten persönlich kennt

Reinhold Schnell, Bürgermeister, Gemeinde Neukirch (Versorgungsbericht 2010 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, S. 74/75)

20.000-Euro-Spritze von der Gemeinde Neukirch

Die Gemeinde Neukirch (Bodenseekreis) mit ihren 2.700 Einwohnern liegt zwischen Bodensee und Allgäu, 20 Kilometer von Friedrichshafen und Lindau entfernt. Neben der Bewirtschaftung der 27,58 km2 große Flache durch landwirtschaftliche Betriebe gibt es einige mittelständische Unternehmen mit knapp 500 Arbeitsplatzen. Im Hauptort Neukirch selbst ist eine gute Infrastruktur für die Bürgerinnen und Bürger vorhanden.

Im Herbst 2008 berichtete der langjährige Allgemeinarzt im Rentenalter Dr. Michael List von seiner bis dato seit gut eine Jahr erfolglosen Suche nach einem Nachfolger für seine gut gehende Landarztpraxis mit großem Patientenstamm. Weiter eröffnete er, dass er noch bis Juni 2009 praktizieren wird. Sollte sich bis dato kein Nachfolger gefunden haben, ist er gezwungen, aus gesundheitlichen Gründen seine Praxis zu schließen.

Bürgermeister, Gemeindeverwaltung und Gemeinderat versuchten ihrerseits über Gespräche mit Bundes- und Landespolitikern, dem Landrat des Bodenseekreises, Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung und des Hausärzteverbandes im Bodenseekreis und mit Ärzten aus der Nachbarschaft händeringend, die Aufgabe der vakant zu werdenden Landarztpraxis zu verhindern. Für den Gemeinderat ist eine Landarztpraxis in einer selbstständigen Gemeinde wie Neukirch ein wichtiger Infrastrukturbaustein.

Zugleich erhöht eine Arztpraxis die Attraktivität einer Gemeinde, so die Meinung des Gemeinderats. Obwohl die Besetzung einer Arztstelle nicht zu den ursachlichen Aufgaben einer Gemeinde gehört, stellte die Gemeinde die Übernahme von zum Beispiel Umzugskosten bis hin zur Zahlung der 20.000 Euro Ablöse aus Steuermitteln (anstatt 80.000 Euro wie der von der Kassenärztlichen Vereinigung ermittelte Wert) in Aussicht, um die Nachfolge zu sichern. Diese unkonventionelle Finanzhilfe konnte zwar einen „Rattenschwanz“ nach sich ziehen und andere Nachahmer finanzielle Unterstutzung einfordern. Doch die Arztpraxis im Dorf ist Daseinsvorsorge für die Bürger im Besonderen und nicht gleichzustellen mit anderen Dienstleistern, so der Grundtenor des Gemeinderates.

Dennoch stellte sich die Suche nach einem geeigneten Nachfolger, trotz dieser sehr guten Rahmenbedingungen der Gemeinde als schwierig heraus. Als besonders unerfreulich für Bürgermeister, Verwaltung und Gemeinderat kam hinzu, dass die Bevölkerung vor Ort der Gemeinde und hier dem Gemeinderat und Bürgermeister die Schuld an einer Nichtbesetzung der Arztstelle gaben.
Die Aufgabe der Wiederbesetzung der Landarztpraxis war in den Augen der Bürgerinnen und Burger Aufgabe der Gemeinde, trotz Erklärungen über die Niederlassungsfreiheit von Ärzten. Dies wurde von den Bürgerinnen und Bürgern den Verantwortlichen von Rat und Verwaltung bei jeder sich bietenden Möglichkeit mitgeteilt. Schlussendlich hat man dann mit Frau Dr. Erika Kipp eine kompetente Nachfolgerin gefunden, die selbst schon lange nach einer „freien“ Praxis in der Region Ausschau gehalten hatte. Mit dazu beigetragen hat sicherlich, dass die Nachfolgerin von Dr. Michael List keine Ablösezahlung an ihren Vorgänger bezahlen musste. Die finanzielle Belastung mit der Übernahme einer Landarztpraxis ist mitunter ein Grund, weshalb sich immer weniger Mediziner um eine eigene Praxis auf dem Land bemühen.

Der Ärztemangel auf dem „flachen“ Land wird auch im „gelobten“ Süden der Republik weitergehen, sollten sich die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Mediziner nicht grundlegend ändern.

  • Gemeinde Neukirch