Übernahme einer Landarztpraxis

Frau Dr. Erika Kipp, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Neukirch (Versorgungsbericht 2010 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, S. 78/79)

Leidenschaftliches Plädoyer für die Landarztpraxis

Zum 1. Oktober 2009 übernahm ich eine Landarztpraxis im äußersten Zipfel des Bodenseekreises im oberschwäbischen Hinterland. Da die Umstände der Praxisübernahme ungewöhnlich waren – siehe hierzu den Bericht von Herrn Bürgermeister Schnell der Gemeinde Neukirch – bat mich die KV meine Beweggründe darzulegen. Ohne lange zu zögern willigte ich ein, nur um festzustellen, dass es mir sehr schwer fallt, diesen Schritt genau zu erläutern, ohne meine gesamte Vita darzulegen. Hierzu sei nur kurz angemerkt, dass ich in der Gegend aufwuchs, zunächst in der Kreisstadt wohnte, ab meinem neunten Lebensjahr in einem Dorf, auch wenn ich weiterhin in der Kreisstadt die Schule besuchte. Von 1985 an lebte ich für 15 Jahre in einem Dorf in Oberbayern. Die Besonderheiten einer landwirtschaftlich geprägten dörflichen Gemeinde sind mir also hinlänglich bekannt.

Den Wunsch, als Ärztin tätig zu sein, hatte ich schon seit der Grundschule, auch wenn ich das Studium – eher unüblich – erst nach der Kinderphase begann. Das Nadelöhr war die Ausbildungsphase in der Praxis, die nur durch massive Einschränkungen und das Aufzehren sämtlicher Ersparnisse finanziell überlebt werden konnte.

Nach der Facharztprüfung 2005 gab es allerlei Praxen zu übernehmen, allerdings zu Preisen, bei denen damals schon abzusehen war, dass ein Return on Investment nicht, oder nur sehr schwer zu erreichen war. Daher blieb ich dem Krankenhaus treu, allerdings war ich betriebswirtschaftlich tätig als Leiterin einer Abteilung Case Management, wobei ein berufsbegleitend erworbener MBA nützlich war. Ärztlich war ich in dieser Zeit nur als Notärztin tätig, was auf Dauer zunehmend unbefriedigend war.

Als eine Praxis in der Gegend, in welcher ich aufgewachsen war zu Konditionen angeboten wurde, bei denen abzusehen war, dass sie kein allzu großes finanzielles Risiko bedeuteten, habe ich mich innerhalb weniger Tage entschlossen, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen.

Der Entschluss mag spontan wirken, ist es aber in Wahrheit nicht. Im Gegenteil ist er das Ergebnis eines langjährigen Wunsches nach einer Praxis im ländlichen Gebiet, der Frustration mit der nicht-ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus, der noch größeren Frustration mit der zuvor erlebten ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus und den akzeptablen wirschaftlichen Bedingungen. Hier ist besonders zu erwähnen, dass der Vorgänger wegen Nichtveräußerbarkeit mit der Ablöse erheblich nach unten von der KV-Kalkulation abwich und die Gemeinde Neukirch am Ende diese Ablöse komplett übernahm.

Dennoch waren zusätzliche Investitionen von circa 50.000 Euro notwendig. Ein weiterer wichtiger Faktor war, dass in dem Dienstkreis der Praxis nur wenige Dienste anfallen und dass keine Residenzpflicht mehr herrscht. Zudem bin ich kein Alleinverdiener, so dass das wirtschaftliche Risiko insgesamt nicht so hoch ist. Man konnte kurz formulieren: die richtige Praxis am richtigen Ort zum richtigen Preis.

Warum Landarzt? Da ich die meiste Zeit meines Lebens in dörflichen Gemeinschaften gelebt habe, ist mir das Leben auf dem Land nicht fremd. So gelten bestimmte Gebote, die in der Stadt vielleicht nicht so wichtig sind. Fast jeder weiß über den anderen alles. Man tut viele Dinge gemeinsam und man begreift sich in aller Regel noch als Gemeinschaft, was zum Beispiel in den Vereinen, den Dorffesten, Theateraufführungen oder der freiwilligen Feuerwehr zum Ausdruck kommt. Ich kann mich mit einer solchen Gemeinde gut identifizieren und fühle mich dort wohl, auch wenn ich nicht direkt in „meinem“ Dorf wohne. Landwirtschaftliche Belange sind mir nicht fremd und interessieren mich wirklich. Hinzu kommt, dass ich den lokalen Dialekt beherrsche, was die Kommunikation und Akzeptanz erheblich erleichtert.

Ich arbeite nun sicherlich noch mehr als im Krankenhaus, aber die Arbeit ist sehr befriedigend. Viel „Bürokram“ gibt es jetzt auch, aber hier helfen mir mein betriebswirtschaftliches Studium und die Ausbildung zur Arzthelferin, welche ich nach dem Abitur absolvierte. Die Probleme, mit denen ich täglich zu tun habe, sind sehr unterschiedlich: von Blutdruck- und Ehekrisen über einen Sturz vom Pferd bis hin zu „die Kühe haben Flechte und ich glaube wir haben uns angesteckt“. Natürlich gibt es auch noch Hausbesuche, aber nicht mehr so häufig wie das früher der Fall war. Aber grade wenn ich bei Föhnlage Hausbesuche fahre und die wunderbare Gegend, den schönen Ausblick und die herzlichen Patienten erlebe, freue ich mich, trotz aller wirtschaftlichen Unwägbarkeiten den Schritt getan zu haben.