Weiterbildung in der Allgemeinmedizin

Dr. Brigitte Grossart, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Buchenbach (Versorgungsbericht 2010 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, S. 71/73)
Dr. med. Brigitte Grossart

Schon immer war es mein Ziel als Allgemeinmedizinerin zu arbeiten – am liebsten in eigener Praxis. Jetzt arbeite ich schon über zwanzig Jahre im Gesundheitswesen und wie das Leben so spielt, wurde es bis heute nichts mit meinem Ziel. Als ich mein Studium beendete, gab es die so genannte „Ärzteschwemme“ und ich war froh, in der Pathologie eine AIP-Stelle zu ergattern. Aber schnell merkte ich, dass ich lieber mit lebenden Menschen zu tun hatte, so dass ich in die Chirurgie wechselte. Nach einigen Jahren der Weiterbildung in diesem interessanten Fachbereich in großen Kliniken, unter anderem in Berlin-Kreuzberg, absolvierte ich meinen Facharzt für Chirurgie, um anschließend die gefäßchirurgische Weiterbildung anzustreben. Aus vielerlei Gründen, die auch damit zu tun hatten, dass Frauen in der Herz- und Gefäßchirurgie eher Exoten waren, wechselte ich in ein theoretisches Fach. In Freiburg an der Uniklinik wurden Fachärzte zum Aufbau eines Hygiene-Beratungszentrums gesucht. So arbeitete ich in diesem Bereich mehrere Jahre, gründete eine Familie und beendete die Weiterbildung mit dem Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Aber auch das war auf die Dauer nicht das Richtige und ich kehrte zu meinem Erstwunsch Allgemeinmedizin zurück. Allerdings musste ich fast die komplette Weiterbildung absolvieren, das heißt die komplette Innere Medizin und die Praxiszeit, von der Chirurgie wurde mir nur ein Jahr angerechnet.

Da es keine Verbundweiterbildung zu dieser Zeit im Raum Freiburg gab, musste ich mir meine Stellen zusammensuchen. Dabei lag meine erste klinische Stelle über 80 km von Freiburg entfernt, die ich jeden Tag zurücklegen musste. Dabei musste ich täglich vor 5 Uhr aufstehen und kam erst in den Abendstunden nach Hause. Von meinen drei kleinen Kindern habe ich in dieser Zeit nicht viel mitbekommen. Nach einem Jahr fand ich eine räumlich näher gelegene Stelle, aber auch hier waren die Arbeitszeiten und -bedingungen nicht mit einem Leben mit Familie kompatibel.

Im Vergleich zu meiner klinischen Tätigkeit in den 90er Jahren hat sich inzwischen viel in den Krankenhäusern geändert. Insbesondere die Arbeitsverdichtung, der Personalabbau, die Dokumentation und viele Nachtdienste lassen eine Arbeit auf Dauer in der Klinik sehr unattraktiv erscheinen. Eine dauerhafte Arzt-Patienten-Beziehung kann man insbesondere durch die Wechselschichten nicht aufbauen. Gab es in meiner ersten klinischen Zeit etliche Facharztkollegen, die eine dauerhafte Tätigkeit als Facharzt in der Klinik anstrebten, ist diese Spezies nahezu ausgestorben. Das macht sich auch in der Weiterbildung der jungen Kollegen bemerkbar, es gibt kaum Ärzte, die auf Facharztniveau arbeiten und ausbilden. Den so genannten „Altassistenten“ gibt es so gut wie nicht mehr. Das wirkt sich ebenfalls auf die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner negativ aus. Mir wurde deutlich, dass auf Dauer (für die nächsten 20 Jahre) für mich nur der Weg in die eigene Praxis – trotz Honorar und Gesundheitsreform – in Frage kommt.

Jetzt befinde ich mich in der letzten Phase der Weiterbildung in einer Stadtpraxis und stehe kurz vor dem Abschluss. Zunächst habe ich meine Praxiszeit in einer großen Landarztpraxis verbracht und habe dort die feste Arzt-Patienten-Beziehung kennen und schätzen gelernt.

Insbesondere die Familienmedizin mit Betreuung aller Familienmitglieder – vom Baby bis zum Greis – macht mir viel Freude. Auch die unmittelbare Dankbarkeit der Patienten kann man nie so in der Klinik erleben. Außerdem konnte ich in Teilzeit arbeiten und somit Beruf und Familie viel besser unter einen Hut bringen. Nach wie vor faszinier t mich die Vielfältigkeit der Tätigkeit eines Allgemeinarztes. Das Spektrum reicht von Notfallmedizin über Psychosomatik, Pädiatrie und diversen kleineren Fächern, wie HNO, Augenheilkunde und Dermatologie bis zu den großen Fächern Innere Medizin und Chirurgie. Auch dies steht im deutlichen Gegensatz zur klinischen Tätigkeit, dort ist die Konzentration auf wenige Teilbereiche der Medizin erwünscht. Allrounder sind dort Fehl am Platz. In der  Allgemeinmedizin kann ich mein ganzes Wissen und Können sinnvoll einbringen. Die Tätigkeit in einer Stadtpraxis im Vergleich zur Landarztpraxis unterscheidet sich erheblich. Die Bindung der Patienten an einen Arzt besteht zwar auch, erscheint mir aber nicht so intensiv wie auf dem Land. Auch das so genannte Ärztehopping ist weiter verbreitet. Ich empfinde es als deutlich schwerer, eine feste Arzt-Patienten-Beziehung in der Stadt aufzubauen, was bei mir natürlich auch an der relativ kurzen Tätigkeit dort liegen kann. Stabile Arzt-Patienten-Beziehungen brauchen eben Zeit. Zum Glück habe ich zurzeit einen guten Weiterbilder, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, mich aber auch selbstständig  arbeiten lässt. Wir beraten uns gegenseitig und besprechen interessante oder schwierige Falle. Sehr positiv für mich ist zurzeit auch der sehr nahe Arbeitsweg mit familienfreundlichen Arbeitszeiten, so dass ich mich vermehrt um meine Kinder kümmern kann. Rückblickend auf meine Weiterbildungszeit in Allgemeinmedizin muss ich sagen, dass sie sehr anstrengend war und oft bis an die Grenzen des Zumutbaren ging. Insbesondere die übergangslose Organisation guter Weiterbildungsstellen mit den damit verbundenen Wechseln der Arbeitsstellen und die finanziellen Einbusen gerade im Praxisbereich machten mir zu schaffen. Des Weiteren fehlt auch eine Vernetzung der allgemeinmedizinischen Weiterbildungsassistenten, so dass man sich mehr als Einzelkampfer fühlt und bei Problemen alleine da steht. Ein sehr guter Ansatz ist die inzwischen geplante Verbundweiterbildung auch im Freiburger Raum und auch die Erhöhung der Entlohnung in der Praxis für Weiterbildungsassistenten. So werde ich hoffentlich Ende des Jahres die Facharztprüfung bestehen und im nächsten Jahr mit einer Kollegin im Raum Freiburg in einer großen allgemeinmedizinischen Praxis zusammen arbeiten.

(Kommentar der Redaktion: Frau Dr. Großart hat seit Anfang 2012 ihre eigene Vertragsarztpraxis).